Wer Supply Chain verstehen will, muss tiefer schauen

Stefan, du warst zuletzt wieder mehrere Tage bei Herstellern und Partnern in China unterwegs. Was ist deine wichtigste Erkenntnis?

Geschwindigkeit!!! Ganz klar!

Die Display- und Elektronikindustrie verändert sich nicht nur – die Geschwindigkeit der Veränderung selbst hat sich nochmals deutlich erhöht.

Das sieht man an den Fertigungsstrukturen, am enorm steigenden Automatisierungsgrad und daran, wie intensiv KI bereits in Entwicklung und Produktion eingesetzt wird. Aus europäischer Sicht unterschätzen wir noch massiv, was diese Dynamik für industrielle Projekte mit langen Entwicklungs- und Produktlebenszyklen bedeutet.

Genau deshalb sind regelmässige Besuche bei unseren Partnern für uns so wichtig. Es macht einen enormen Unterschied, ob man zwölf Flugstunden entfernt am Telefon über Supply Chain spricht oder direkt in den Produktionsstätten mit den Menschen diskutiert, die diese Veränderungen täglich erleben.

Warum ist diese Dynamik gerade bei Display- und HMI-Projekten so relevant?

Weil eine kundenspezifische HMI-Lösung eben nicht einfach nur „ein Display“ ist.

TFT-Zelle, Touchsensor, Backlight, Driver-ICs, Mechanik, Firmware und Software bilden gemeinsam ein komplexes System. Ändert sich nur ein Element, kann das Auswirkungen auf Verfügbarkeit, Lieferzeit, Preis oder Qualifikation des gesamten Produktes haben.

Gleichzeitig ist China heute in wesentlichen Bereichen der Display-Supply-Chain das zentrale industrielle Ökosystem. Produktionskapazitäten werden konsolidiert, Technologien verlagern sich und auch auf Halbleiterseite verändern sich die Prioritäten.

Wir erleben einen strukturellen Wandel unserer Industrie.

Welchen Vorteil hat DMB Technics durch die eigene Präsenz und das Netzwerk in China?

Einen sehr grossen.

Mit unserem erfahrenen SRM-Team direkt in China haben wir eigene Kollegen vor Ort, die täglich mit unseren Partnern und Lieferanten zusammenarbeiten. Sie kennen Produktionsstätten, Ansprechpartner, Strukturen und kulturelle Gegebenheiten und bekommen viele Veränderungen sehr früh mit.

Hinzu kommt unser Netzwerk, das eigentlich weiter zurückreicht als DMB Technics selbst. Unsere Gründer sind seit mehr als 40 Jahren in dieser Industrie tätig, und viele Beziehungen sind über Jahrzehnte gewachsen.

Bei meinen Asienreisen werde ich bis heute regelmässig auf das „D“ und das „M“ in DMB angesprochen. Diese Namen sind bei vielen langjährigen Marktteilnehmern nach wie vor sehr präsent.

Ich gehöre heute quasi zu einer zweiten Generation innerhalb von DMB, die von diesem Vertrauen und Netzwerk profitieren darf. Darauf bin ich durchaus stolz.

Ein grosses Netzwerk alleine reicht aber nicht?

Nein. Persönliche Beziehungen können Türen öffnen, ersetzen aber weder technische Kompetenz noch Lieferantenqualifikation.

Entscheidend ist ausserdem die Relevanz beim jeweiligen Partner. Mit unseren Kernpartnern realisieren wir über viele Jahre zahlreiche Projekte und entsprechende Volumina. Gerade wenn Kapazitäten knapp werden, macht das einen Unterschied.

Gleichzeitig hören wir bei der Supply Chain nicht beim Modulhersteller auf. Wir stehen auch direkt mit IC-Herstellern, Panel-Herstellern und weiteren Zulieferern im Austausch.

Dadurch können wir Informationen teilweise direkt an der Quelle verifizieren. Gerade bei Allokationen ist es entscheidend zu verstehen, welche Kapazitäten tatsächlich vorhanden sind und wie priorisiert wird.

Natürlich können auch wir keine Kapazität erzeugen, die physisch nicht existiert. Aber Zugang zu den richtigen Informationen und Ansprechpartnern kann im entscheidenden Moment einen erheblichen Unterschied machen.

Wie realistisch ist vor diesem Hintergrund „Non-China Sourcing“?

Zuerst muss man definieren, was „Non-China“ überhaupt bedeutet.

Sprechen wir über die finale Assemblierung? Das TFT-Panel? Touchsensor und Schutzglas? Backlight? Driver-IC? Oder sogar über die Foundry (Halbleiterwerk, das Chips für andere Unternehmen herstellt) dahinter?

Je tiefer man in die reale Supply Chain schaut, desto schwieriger wird eine echte China-Unabhängigkeit bei vielen HMI- oder Display-Anwendungen.

Das bedeutet nicht, dass man Abhängigkeiten akzeptieren sollte.

Man muss sie kennen, bewerten und die Architektur darum herum gestalten.

Genau deshalb betrachten wir bei DMB nicht nur das fertige Modul, sondern möglichst die gesamte Supply Chain dahinter.

Was bedeutet das für Langzeitverfügbarkeit?

Pauschale Versprechen, dass ein komplexes Display- oder HMI-Produkt über zehn oder 15 Jahre vollkommen unverändert verfügbar bleibt, können aus meiner Sicht schnell zu einem leeren Versprechen werden.

Kein Lieferant kann verhindern, dass eine Foundry ihre Strategie ändert, eine Panel-Linie geschlossen oder ein IC abgekündigt wird.

Deshalb bedeutet Langzeitverfügbarkeit für mich nicht:

Das Produkt darf sich niemals verändern.

Sondern:

Das System muss so aufgebaut sein, dass notwendige Veränderungen kontrolliert und technisch beherrschbar bleiben.

Dazu gehören flexible Architekturen, realistische Second-Source-Konzepte, Lifecycle-Management und vor allem frühzeitig verfügbare Informationen.

Was bedeutet das am Ende konkret für den Kunden?

Im besten Fall vor allem eines:

Zeit. Wertvolle Zeit.

Wenn wir früh wissen, dass ein IC abgekündigt wird oder eine Panelkapazität verschwindet, können wir gemeinsam mit dem Kunden reagieren: Last-Time-Buy, technische Alternativen, Second Source oder eine Anpassung der Architektur.

Unser Netzwerk ist deshalb kein Selbstzweck.

Der eigentliche Wert entsteht dann, wenn aus Information die Möglichkeit zum frühen Handeln wird.

Und genau darin zeigt sich für mich auch der Unterschied zwischen einem klassischen Lieferanten und einem strategischen Partner.

Nicht im schönsten Datenblatt und nicht zwingend im günstigsten Erstangebot.

In China habe ich dazu einen Satz immer wieder gehört:

«You will always find a cheaper price in China.»

Darum geht es für mich aber nie!

Entscheidend ist, ob ein Partner das Produkt und die Supply Chain dahinter versteht, Veränderungen früh erkennt und gemeinsam mit dem Kunden Lösungen entwickelt, bevor aus einer Veränderung eine Eskalation wird.

DMB Technics verbindet technische Kompetenz in Europa mit einem eigenen Team in China, direkten Kontakten bis zu Panel- und IC-Herstellern und einem Netzwerk, das über Jahrzehnte entstanden ist.

Die Displayindustrie wird schneller, China-zentrierter und komplexer. Wir können diese Entwicklung nicht stoppen – aber wir können Systeme und Supply Chains so gestalten, dass wir damit umgehen können.

Über Stefan Vachal

 

Stefan Vachal ist seit mehr als 20 Jahren in der Elektronikindustrie tätig. Mehr als zehn Jahre davon verbrachte er in der EMS-Branche.

Heute ist er Geschäftsführer der DMB Technics Deutschland GmbH und Sales Manager bei DMB Technics. Er begleitet industrielle Kunden bei kundenspezifischen Display- und HMI-Projekten vom Design-In bis zur Serienfertigung.